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Donnerstag, 27. Juli 2017

Abschied





Abschied ...
wie kalt plötzlich
die Sonne scheint




(farewell ... / how cold suddenly / the sun is shining)

Heike Gericke




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Abschied

Erlöschen werden bald die heil'gen Sterne,
Die meinem Dasein kurzen Glanz verlieh'n,
Dann muß ich wieder in die öde Ferne
Des Lebens mit gebrochnem Herzen zieh'n.

Dann steh' ich einsam auf des Glückes Trümmer,
Das wie ein Tempel jetzt zum Himmel steigt,
Und schön geschmückt, als wie mit Festtagsschimmer,
Die Sel'gen selbst zu mir hernieder neigt.

Dann ist des Herzens ewig reges Sehnen
Das Einz'ge, was mich noch am Staube hält;
Dann ruf' ich deinen Namen unter Thränen
Hinaus in meine leergewordne Welt.

Doch spricht man viel von Freud' und Wonn' hienieden,
Und Jugend sei des Glückes auch Gewähr. -
Zu deinen Füßen nur war mir die Welt beschieden,
Getrennt von dir ist Tod, ist Alles leer.

Sie war doch mein, die Welt! und alle Schmerzen
Und Klag' und Trauer wiegen es nicht auf,
Daß eine Liebe lebt in diesem Herzen,
Die weder wankt noch wechselt in dem Lauf.

Daß ein Gefühl in meiner Seele lebet,
Von Tausenden umsonst, umsonst erfleht,
Das jeglichen Gedanken treu umschwebet,
Und einst mit mir zur stillen Heimat geht.

O, daß ich diese Liebe hier gefunden,
Es überwindet doch der Trennung Graus,
Und söhnet mich in meinen schwersten Stunden
Noch schön mit dem verarmten Dasein aus.

Ida Gräfin von Hahn-Hahn (1805-1880)




Mittwoch, 26. Juli 2017

durch die nacht





durch die nacht
von der dachterrasse schwebt
ein spitzentüchlein




(through the night / from the roof terrace / a little lace cloth)

Rosemarie Schuldes




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © marion posch / pixelio.de



Dienstag, 25. Juli 2017

Ankunft im Flachland





Ankunft im Flachland
die Landschaft nun
von Wolken bestimmt




(Arrival in lowland / the landscape now / determined of clouds)

Gérard Krebs




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Ankunft

So sind die Fernen überschritten,
Die langen Meilen hinter mir;
Das bittre Leid, es ist erlitten,
Und wieder nahe bin ich dir.
Mich trug der Sehnsucht Adlerflügel
Weit, weit voran dem säum'gen Roß,
Bis unter'm Burgruinenhügel
Ich dich in meine Arme schloß.

Der Himmel glüht in sanfter Röthe,
Im Flammengold ein ferner Teich,
Den Wald durchtönt die Hirtenflöte,
Mir aber winkt ein Königreich.
Mir strahlen deiner Augen Sterne,
Mir blüht der Wangen holdes Roth,
Vergessen ist das Leid der Ferne,
Und ich bin dein bis in den Tod.

Ludwig Bechstein (1801-1860)
Aus der Sammlung Wanderbuch und Wanderbilder




Montag, 24. Juli 2017

wabernde Hitze





wabernde Hitze
auf der Veranda schaukelt
ein einsamer Stuhl




(waddling heat / swaying on the porch / a lonely chair)

Silvia Kempen




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Foto: © Rainer Sturm / pixelio.de




Sonntag, 23. Juli 2017

erstes Treffen





erstes Treffen
über uns
der Regenbogen




(first date / above of us / the rainbow)

Cezar-Florin Ciobîcă




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Der Regenbogen

Wenn die Regenwolken sind verflogen,
Und die Sonne über Tränen lacht,
O dann spannt der Herr den Friedensbogen,
Der mein Herz so fest und freudig macht;
Denn er stehet überm Erdenvolke
Als Jehovas ewig treue Wacht,
Und so oft wir sehn ihn in der Wolke,
Hat der Herr an seinen Bund gedacht.

Er gedenkt der Ärmsten seiner Armen,
Deren Herzens Dichten nimmer recht,
Und er flieht mit herzlichem Erbarmen,
Was wir für ein elendes Gemächt.
Er gedenket, dass wir sind verführet,
Unter Feindeshand verkaufet auch,
Und er spähet, ob er irgend spüret
Eines Noahherzens Opferrauch.

Sei gegrüßet mir, o Bundeszeichen,
Das mit sagt: Ich bleibe, der ich bin!
Und die Erdenhügel fallen hin,
Doch der alte Gott, der ewig treue,
Der durch Gnaden führet es hinaus,
Und der nimmermehr in Zorn und Reue
Mit dem Menschen machet es gar aus.

Ich gedenke, wenn ich dich erblicke
Zwischen Erd‘ und Himmel ausgespannt:
Dieser Bogen war Jehovas Brücke,
Durch Jahrhunderte das letzte Band,
Darauf seine tausend Boten schritten,
Mit der Hoffnung Trost zu uns gesandt,
Bis auf diesem Weg in unsrer Mitten
Die Erfüllung überherrlich stand.

Wenn die Wetterwolken sind verflogen,
Und die Sonne über Tränen lacht –
Sei gegrüßet mir, o Regenbogen!
Denn es leuchtet mir in deiner Pracht,
Die in allen Farben glänzt und gleißet,
Gottes vielgestaltet‘ Wesensbild,
Der wohl heilig, stark und strenge heißet,
Aber Liebe auch und Langmut mild.


Johannes Dose (1860-1933)
Aus der Sammlung Heimatlieder. Geistliche Gedichte

Samstag, 22. Juli 2017

leise Musik





leise Musik
Margeriten strahlen
den Vollmond an






(quiet music / marguerites illuminate / the full moon)

Ruth Karoline Mieger




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © Ruth Karoline Mieger




Freitag, 21. Juli 2017

big heat





big heat –
even the clock 
has stopped working




(große Hitze – / sogar die Uhr / geht nicht mehr)

Ana Drobot (Romania)




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Die Uhr

Die Uhr kann laufen wie sie will,
Ich sehe zu und lächle still.

Nur eine Stund dann und wann
Hielt ich mal gern den Zeiger an;

Und weiß genau: wenn ich's probier,
Zwei kleine Hände helfen mir.

Rudolf Presber (1868-1935)
Aus der Sammlung In Sturm und Stille