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Freitag, 19. Januar 2018

Mädchenblume






 Mädchenblume
wie voller Sorge
du doch aussiehst!
in einem verwaisten Hause,
ganz allein*


 

girls flower
how worried
you look!
in an orphaned house,
all alone**

Prinz Kanemi (? - 932)




*(Aus: Die vier Jahreszeiten, Insel Verlag 2000, Seite 139)
**(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Prinz Kanemi (兼 覧 王, Kanemi no Ōkimi?,? - 932) ist ein japanischer Höfling und Dichter der ersten Hälfte der Heian-Zeit, dessen Vater Prinz Koretaka, Sohn des Kaisers Montoku, ist. Er ist einer der in der Anthologieliste Chūko Sanjūrokkasen ausgewählten Dichter.

Als Waka-Dichter steht er in Kontakt mit anderen Dichtern wie Ki no Tsurayuki und Ōshikōshi no Mitsune. Nur fünf seiner Gedichte sind in der kaiserlichen Anthologie Kokin Wakashū und vier in anderen imperialen Anthologien enthalten. 




Donnerstag, 18. Januar 2018

tief im Koffer






tief im Koffer
das verbotene Buch
mit dem abgenützten
roten Umschlag
suchend*


 

deep in the suitcase
the forbidden book
with the worn
red envelope
seeking**

Ishikawa Takuboku (1886-1912)




*(Aus: Trauriges Spielzeug, Insel Verlag 1994, Seite 72)
**(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Ishikawa Takuboku (石川 啄木 1886-1912), eigentlich Ishikawa Hajime (石川 一), war ein japanischer Dichter, Tankaist und Literaturkritiker der Meiji-Zeit.




Mittwoch, 17. Januar 2018

Scham und Schmach






Scham und Schmach
verborgen zutiefst im Innern
des Menschenlebens
sickern hervor, wenn ich 
Dir gegenübertrete*




Shame and shame
hidden deep inside
of human life
seep out, when
I face you**

Arai Akira (1883-1925)




*(Aus: Gäbe es keine Kirschblüten, Reclam-Verlag 2009, ISBN: 978-3-15-010698-3, Seite 135)
**(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Arai Akira (新井章 1883-1925) war ein Schüler von Sasaki Nobutsuna und dichtete bei Kokoro no hana im empfindsamen Stil über die Einsamkeit des Stadtlebens. Tanka-Bände: Honoakari u. a.




Dienstag, 16. Januar 2018

Warum haßt du mich






Warum haßt du mich?
So verkürzt du meine Zeit.
Wie soll ich leben
können ein solches Leben
in endloser Bitternis?*

 

Why do you hate me?
Thus you shorten my time.
How should I can live
such a life
in endless bitterness?**

Inpumon-in no tajū (1130-1200)



 

*(Aus: 36 Dichterinnendes Alten Japan, 1991 DuMont Buchverlag Köln, ISBN: 3-7701-2802-8, Seite 13R)
**(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Inpumon-in no Tayū (輔 門 院 大 大 輔 1130 - 1200) war eine Waka-Dichterin und japanische Adlige, die in der Heian-Zeit aktiv war. Eines ihrer Gedichte ist im Ogura Hyakunin Isshu enthalten. Ihre Arbeiten erscheinen in einer großen Anzahl von kaiserlichen Gedichtsammlungen, darunter Shingoshūi Wakashū, Senzai Wakashū, Shokugosen Wakashū, Gyokuyō Wakashū, Shinsenzai Wakashū, Shinchokusen Wakashū und andere.






Montag, 15. Januar 2018

Winterdomizil





Winterdomizil
im Yachthafen ankern
Wasserhühner




(winter residence / anchor in the marina / coots)

Brigitte ten Brink




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Im Hafen

Vor meinem Fenster fliesst ein Bach,
Der hält die ganze Nacht mich wach,
Singt immerfort sein Sehnen
In ungestillten Thränen.

Und seinen Tropfen träum ich nach ...
Da rinnen mit dem rauschenden Bach
Gedanken in die Fernen,
Bis zu den stillsten Sternen.

Sie rinnen in die tiefe Flut
Der Ewigkeit. Da ruht sichs gut.
Da ruht sichs in dem Hafen,
Wo alle Stürme schlafen.

Karl Ernst Knodt (1856-1917)
Aus der Sammlung Erster Teil




Sonntag, 14. Januar 2018

Blick vom Berg







Blick vom Berg
die Straße
und der geteilte Winter




(View from the mountain / the street / and the splitted winter)

Friedrich Kelben




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © pixabay



Samstag, 13. Januar 2018

Sonniger Morgen






Sonniger Morgen -
ein Regenbogen knüpft den Wald
an den Schneehang





(Sunny morning - / a rainbow ties the wood / to the snow slope)

Valeria Barouch



 
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Sonniger Wintertag

Den Tag vorher umwettert und durchstürmt,
Steht nun der Wald von Neuschnee übertürmt;
Es kriecht ein jeder Baum in sich hinein.
Wie tausend tiefe Nächte, schwer und stumm,
Steht dumpfes Schweigen um das Tal herum
Und schließt der Dinge Sommersehnsucht ein.

Doch übers Tal, da wölbt sich weltenweit
Das Firmament in blauer Ewigkeit.
Die Sonne jubelt froh in ihrem Lauf,
Und mit den Strahlenfingern frauenfein
Greift sie in das verschneite Tal hinein
Und hebt der Dinge Sehnsucht zu sich auf.

Alfons Petzold (1882-1923)
Aus der Sammlung Der Wanderer