Dieses Blog durchsuchen

Donnerstag, 23. März 2017

Nonnenkloster





Nonnenkloster 
sie und der Gekreuzigte 
allein in der Zelle




(nunnery / she and the cruzified man / alone in the cell)

Pitt Büerken




***************************************************************






Foto: © Hartmut910 / pixelio.de




Mittwoch, 22. März 2017

thaw





thaw 
the old monk 
yawns*




(Tauwetter / der alte Mönch / gähnt)
 
Ramona Linke
 
 
 
 
*(Erstveröffentlichung: The Mainichi März 2016)
***************************************************************




Der Mönch

Am Bogenfenster sitzt ein Mann,
Die Hände in den Schoß.
Ein Menschenbild, dems Blut gerann
Scheint er - bewegungslos,
Soeben ist das Abendbrot
Verglommen,
Verschwommen,
Der Mönch sitzt da wie tot.

Von außen tot, im Immern Sturm,
Gedenkt er früh´rer Zeit.
Nicht immer lebt´er wie ein Wurm,
Er kannte Freud´und Leid.
Doch lang schon ist dies Erdenglück
Verglommen,
Verschwommen,
Wie´s Land vor seinem Blick.

Carl Schultes (1822-1904)




Dienstag, 21. März 2017

frühlingsgewitter





Steigendes Licht.
Vom Zweig hängen Kätzchen
ins Vogelzwitschern.




(Rising light. / Kitties hanging from the branch / into the birds' chirping.)

Volker Friebel




(Übersetzung: Silvia Kempen)
**************************************************************




Foto: © Silvia Kempen




Montag, 20. März 2017

Frühlingsanfang






Frühlingsanfang
das Licht im Haar
meines Kindes




(onset of spring / the light in the hair / of my child)

Heike Stehr






(Erstveröffentlichung: Spring Issue, WHC-German 2008, Ausgabe April 2008)

***************************************************************





Foto: © Karina Sturm / pixelio.de




Sonntag, 19. März 2017

Eisschmelze





Eisschmelze
wir beide mit den Stiefeln
im Mondhimmel*




(ice melt / you and I with boots / in the moon sky)

Claudia Brefeld


 

*(Erstveröffentlichung: Haiku-Jahrbuch 2015)
***************************************************************



Ein Himmel

So miteinander wandern,
Dass eins das andre trägt,
Dass eines fühlt vom andern,
Was ihm das Herz bewegt, —

So füreinander leben,
Dass strebend alle beid'
Sich gegenseitig beben
Zur wahren Menschlichkeit, —

Im lauten Weltgetümmel
Ein stilles „Hand in Hand", —
Ist das nicht schon ein Himmel
Im Erdenland?

Emil Besser (1863-?)
Aus der Sammlung Wie sich Wandersleute grüßen




Samstag, 18. März 2017

Schreibseminar





Schreibseminar
das Seufzen der Stifte
auf dem Papier




(Writing Seminar / the sighing of pins / on the paper)

Brigitte ten Brink




(Übersetzung: Silvia Kempen)
***************************************************************





Foto: © momosu / pixelio.de




Freitag, 17. März 2017

sumire hodo





菫程な小さき人に生れたし


sumire hodo na chiisaki hito ni umare tashi


Natsume Soseki (1867~1916)




(Mein Wunsch nach Wiedergeburt: / Als Mensch so klein / wie ein Veilchen.)*

(wishing/to be born as small a person/as a violet)**



 
*(Deutsch: Keller und Yamada)
**(Englisch: Susumu Takiguchi)
***************************************************************



Veilchen

1.

Das Veilchen schlummert lang' verborgen
Im Bett, von Rasen überdeckt,
Bis es am ersten Frühlingsmorgen
Der Sonnenstrahl mit Küssen weckt.

Dann fährt es auf aus seinem Traume —
Als wüßt es nicht, wie ihm geschah,
So schaut sich's um im weiten Raume,
Und hold verlegen steht es da.

Zum Himmel blickt es dann in Wonne
Und trinkt entzückt die linde Luft,
Und blüht und blüht, und haucht der Sonne
Zum Dank entgegen süßen Duft.

2.

Ei Veilchen, liebes Veilchen!
So sag' doch einmal an:
Warum gehst Du ein Weilchen
Den Blumen all' voran?

"Weil ich bin gar so kleine,
Drum komm ich vor dem Mai;
Denn kam' ich nicht alleine,
So gingt Ihr mir vorbei!"

3.

Veilchen, Veilchen, holdes Veilchen!
Willst Du nun schon wieder gehen?
Willst Du nicht ein kleines Weilchen
Noch so lieblich duftend stehen?
Neigst Dich still zur Erde nieder —
Willst Du in die Tiefe wieder?

"Lebe wohl! den Maienglöckchen
Muß ich nun die Kunde bringen,
Daß ich sah die Blüthenflöckchen
Und die Vöglein hörte singen!"
Also klang sein letztes Grüßen —
Veilchen starb zu meinen Füßen.

Adolf Schults (1820-1858)
Aus der Sammlung Blumen-Lieder